Richtungsorientiertes Vorgehen

Es gibt Momente im Leben, die Ent­schei­dun­gen erfordern, für die es nicht im­mer mög­lich ist, sich die nö­tige Zeit zu neh­men. In diesen Fäl­len verlangt die Si­tua­ti­on ei­ne schnel­le Stel­lung­nah­me. Un­ab­hän­gig davon ist ­es im­mer von Vor­teil, ge­nau zu wissen, wel­che Rich­tung man ein­schla­gen will. 

Der Kampf zwischen zwei Budôka, der auf ei­nem ­ho­hen Niveau geführt wird, ent­schei­det sich nicht durch of­fen­sichtliche Tech­ni­ken. Die Ausführung einer Tech­nik ist nur das Er­geb­nis bereits ab­ge­schlos­se­ner Wahr­neh­mun­gen, und aus­schlag­gebend für den Kampf sind für ungeübte Au­gen kaum er­kenn­ba­re ­K­le­i­nig­kei­ten. Ei­ne Dec­kung, die eine minimale Lücke aufweist und es deshalb nicht er­mög­licht, be­stimm­te An­grif­fe schnell und ef­fek­tiv ab­zu­weh­ren, reicht aus, um den Ausgang des Kamp­fes festzulegen. Ebenso eine Stel­lung, die un­sta­bil oder un­be­weg­lich ist, wo­durch eine Ver­tei­di­gung um den Bruch­teil einer Se­kun­de verzögert würde. Auch ei­n Schritt, der in einem un­pas­sen­den Au­gen­blick ausgeführt und vom Geg­ner sofort genutzt wird, kann sich ver­häng­nis­voll aus­wirken. Der be­kann­te Satz „Das Volle mit dem Leeren an­grei­fen“ ver­deut­licht, welche Rolle die At­mung selbst spielt, denn der op­ti­ma­le Au­gen­blick für ei­nen Angriff ist wäh­rend des gegnerischen Ein­atmens (volle Lun­ge) und des gleich­zei­ti­gen eigenen Aus­atmens (leere Lun­ge).
Diese und an­de­re kaum sicht­ba­re, aber ent­schei­den­de Klei­nig­kei­ten ver­än­dern eine Kampf­si­tua­ti­on.
Eine geschärfte Wahrnehmung, also genau zu wis­sen was man tut, ohne aber die Ge­samt­über­sicht zu ver­lie­ren, ist ausschlaggebend. Parallel dazu darf wäh­rend­des­sen nicht ge­dacht wer­den, um­ die ei­ge­nen Fä­hig­kei­ten nicht ein­zu­schrän­ken. Der Kör­per hat au­to­ma­ti­siert, was ge­tan wer­den muss. Eine ge­dank­liche Aus­ein­an­der­set­zung mit der Si­tua­tion wür­de sich wie ein Hemm­schuh aus­wir­ken, denn Re­ak­tionen, die den Um­weg über den Kopf neh­men müs­sten, würden zu spät kom­men.
An­spruchs­vol­le­re Kämp­fe werden mit ei­ner kon­trast­rei­chen Ein­stel­lun­g geführt, ohne dass diese da­bei aktiv ein­ge­schal­tet wird. Sowohl die De­tails als auch die ge­sam­te Hand­lung sollten sich spon­tan er­ge­ben, in­dem der jeweilige Au­gen­blick genutzt wird. In jeder Si­tua­ti­on ge­nau zu wissen, was er er­rei­chen will, um somit stets hand­lungsbereit zu sein, stellt daher für den Budôka ein bedeutendes Anliegen dar, das er ebenso zu einem Be­stand­teil seines All­tags zu ma­chen sucht. Auch in die­sem Fall bietet ihm die im Dôjô ge­sa­m­mel­te ­E­r­fah­rung eine Leh­re fürs Le­ben. In über­tra­ge­nem Sinne bedeutet Kampf nicht nur kör­per­li­che Kon­fron­ta­ti­on, son­dern auch Ge­dan­ken­aus­tausch, Mei­nungs­äu­ße­rung oder ­Stel­lung­nah­me.

Um sagen zu kön­nen, dass man fried­lich ist, muss man kämp­fen kön­nen. Wer nicht kämp­fen kann, wird nie wis­sen, ob er fried­lich ist.

Jahrelanges Lernen ei­ner Kampfkunst formt den Bu­dô­ka in seinem Selbstbewusstsein. Je nach Cha­rak­ter und Sicht­wei­se wird der ei­ne den­ken, dass er fähig sei, sich selbst zu ver­tei­di­gen. Ein anderer wie­der­um wird selbst nach jahr­zehn­te­langer Pra­xis ­be­haup­ten, dass er im Ernst­fall nicht in der Lage wäre, sich effektiv ver­tei­di­gen zu kön­nen. Un­ab­hän­gig von den in­di­vi­du­ellen Ein­stel­lun­gen ist es eine Tat­sa­che, dass der stän­dige Um­gang mit ei­ner Kampf­kunst un­ter an­de­rem auf kör­per­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen vor­bereitet.
Hier wird die Not­wen­dig­keit, „kontrastreich“ han­deln zu können, besonders deutlich. Der Budôka kann auf ei­ne in­ten­si­ve Übung zurückblicken und be­sitzt die Fä­hig­keit,
sei­nen Körper mit großer Wahr­schein­lich­keit er­folg­reich ein­zu­set­zen, aber gerade des­we­gen muss ei­ne Kon­fron­ta­ti­on ver­mie­den wer­den. Im Ide­al­fall kann die kom­men­de Ge­fahr vor­zei­tig er­kannt und ihr in einer po­ten­zi­ell un­an­ge­neh­men Si­tua­ti­on be­reits vor ih­rem Zu­stan­de­kom­men aus­ge­wi­chen wer­den.
Aufgrund seiner friedlichen Ein­stel­lung ver­sucht der tra­di­tio­nel­le Bu­dô­ka ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung  grund­sätz­lich zu ver­mei­den. Dies entspricht der Leh­re je­der Kampf­kunst, die den Kör­per auf Tech­nik und den Geist auf Ru­he trai­niert. Der Ver­such, die­se bei­d­e­n ­Kom­po­nen­ten in Ein­klang zu brin­gen, stellt einen an­spru­chs­vol­len Weg dar, ­an des­sen loh­nen­dem En­de ei­n aus­ge­gli­che­ner ­Men­sch ste­hen wird. Seine Ein­stel­lung mag al­ler­dings noch so fried­lich sein, wenn ab­so­lut al­les ver­sucht wur­de und die Kon­fron­ta­tion sich als un­aus­weich­lich er­wie­sen hat,  ent­schei­det der Bu­dô­ka sich mit der­sel­ben stren­gen Kon­se­quenz, ei­ne Her­aus­for­de­rung an­zu­neh­men und ge­nau wie ein Sa­mu­rai frü­her kom­pro­mis­slos ziel­ori­en­tiert vor­zu­ge­hen.

Aus dem Buch: Der Pfad der Flexibilität / Einführung des Kapitels „Das Wachsen“

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